LESEPROBE REBEL

 

EINS

Autsch. Fuck! Genervt kickte ich die Schnapsflasche zur Seite, auf die ich getreten war, sammelte meine Kleider ein und zog im Gehen meinen Slip an.
»Süße, du schleichst dich jetzt nicht wirklich wie ’ne Sechzehnjährige hier raus, oder?«
»Ist dir das zu unsittlich? Dann stell dir vor, ich wäre die Frau deines Chefs.« Ertappt aber grinsend drehte ich mich um und ließ meinen Blick über den nackten, braun gebrannten und verdammt muskulösen Körper des Kerls gleiten, der zwischen den zerknüllten weißen Laken lag.
Er lachte und seine strahlend weißen Zähne blitzten hinter seinen schmalen Lippen hervor. Es dröhnte tief in meinem Bauch und überrascht neigte ich den Kopf zur Seite. Scheiße! War das etwa meine Wohnung und ich bekam es im nachsuff-verhangenen Chaos meines Kopfes mal wieder nicht auf die Reihe? Verstohlen sah ich mich um, aber irgendwie erinnerte ich mich gerade nicht daran, wie es in meiner Wohnung aussah. Als ob ich einen Filmriss hätte.
»In welcher Stadt sind wir?«, fragte ich vorsichtshalber. Nicht, dass ich erneut einen Taxifahrer bat, mich zu einer Adresse zu fahren, die zwar existierte, aber in der falschen Stadt lag. Mann, die Leute in dem Haus damals waren vielleicht stockverklemmte Schicksen gewesen. Ein Shot oder zwei hätte denen wirklich gutgetan.
»Ich würde ja sagen, in der Stadt der Liebe, aber das klingt zu theatralisch für einen One-Night-Stand.«
»Fuck. Wir sind in Paris?« Ich warf die Kleider zurück auf den Boden und lehnte mich gegen die Wand. Hoffentlich war das mein Hotelzimmer. Ich hatte echt keinen Bock, Kijendo rauszuklingeln. Der würde mir nur wieder die Hölle heißmachen und ich hatte schon genug von seinen übellaunigen Vorhaltungen.
Der Kerl, dessen Namen mir ebenso wenig einfiel wie die Stadt, in der ich mich befand, schwang seine durchtrainierten Beine über den Bettrand und kam splitterfasernackt auf mich zugeschlendert. Seine Mundwinkel zuckten verräterisch auf, als er bei mir ankam und mein Gesicht umfasste. »Du bist ganz schön durch, weißt du das?«
Ich zog den Duft nach Sex, Alkohol und Männlichkeit tief ein und leckte mir über die Lippen. »Du hast ja keine Ahnung.«
Er senkte den Kopf und küsste mich und ich kam nicht umhin zu bemerken, dass er zu den begnadeten Küssern gehörte. Technik, Stärke, Geschmack - es passte einfach alles. Was mal eine willkommene Abwechslung zu den anderen Bettgeschichten war, die ich in meiner Karriere als ewiger Single schon zu verbuchen hatte. Na ja, zumindest bei denjenigen, an die ich mich erinnern konnte.
Stöhnend hievte er mich auf seine Hüften und stolperte mit mir zurück ins Bett. Na gut. Dann genoss ich eben noch eine Runde seiner Technik, bevor ich mich darum kümmerte, in welcher verfluchten Stadt ich mich eigentlich befand.



Mein Schädel dröhnte, als ich wild blinzelnd versuchte, den Blick zu fokussieren. »Scheiße, ist das hell«, krächzte ich und setzte mich auf. Ich starrte auf eine Kommode in schwarzer Hochglanzoptik, über der ein Ultraflat Fernsehgerät hing. Das war definitiv nicht meine Wohnung. In meinem Schlafzimmer gab es nichts außer einem Bett und einer Anlage.
»Kaffee?«, ertönte es unvermittelt neben mir und ich zuckte erschrocken zusammen. Ein schwarzer Becher schob sich in mein Blickfeld, gehalten von einer starken Hand. Ich folgte den bläulich schimmernden Venen hinauf zu einem kräftigen Oberarm und sah dann in ein Paar graue Augen, die von dunklen Wimpern umgeben waren.
Fuck. Ich war nach der zweiten Runde doch wieder eingeschlafen. Schnaubend nahm ich den Kaffee entgegen, ohne meinen Unmut darüber zu verbergen, dass ich mich noch immer hier befand.
»Hast du auch ein paar Schmerztabletten?«
»Klar«, sagte er und stöberte in einer Schublade herum, ehe er mir zwei Acetaminophen aushändigte.
»Wo bin ich?«
»Bei mir zuhause. Du hast gestern Abend deutlich gemacht, dass du keinen Bock hast mich rauszuwerfen und ich dich entweder mit zu mir nehmen oder die Sache vergessen kann.«
Ich schluckte die Tabletten runter und spülte vorsichtig mit der dampfenden Köstlichkeit nach, bevor ich nickte.
Jep.
Das klang absolut nach mir.
Nachdem es mir mehrmals passiert war, dass Männer dachten, sie könnten länger als für eine schnelle Nummer bleiben und ich genötigt gewesen war, das Wachpersonal zu holen, hatte ich damit aufgehört, meine One-Night-Stands mit nach Hause oder ins Hotel zu nehmen. Je nach Suffgrad erinnerte ich mich aber nicht mehr an meine Regeln, wie man gerade unschwer erkennen konnte.
»Und wo genau ist dein Zuhause?«
»Du hast tatsächlich einen Filmriss«, antwortete der Kerl amüsiert und schlenderte in einen Nebenraum, wo sich vermutlich das Bad verbarg.
Ich beobachtete seine Muskeln, die sich bei jeder seiner Bewegungen unter dem schiefergrauen T-Shirt abzeichneten, das locker auf seiner Blue Jeans lag. Seine feuchten Haare glänzten tiefschwarz und lockten sich sanft am Ende.
Ein Sahneschnittchen war er.
Zweifellos.
Und mindestens einen Kopf größer als ich, was mir immer sehr gelegen kam, bei meinen einen Meter siebzig. Der Kerl kam mit einem schwarzen Bademantel zurück und schmiss ihn neben mir aufs Bett.
Ich trank einen Schluck Kaffee, ehe ich antwortete: »Ich hab keinen Filmriss. Bin nur viel unterwegs und weiß manchmal einfach nicht, wo ich mich gerade befinde.«
»Was machst du?«, fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich schnaubte erneut. Diesmal härter. War ja klar. Jemand wie er hörte nicht solche Musik, die ich gezwungen war zu machen: Teenie-Pop-Scheiße für die verwöhnten Gören von heute. Meine Gedanken huschten kurz nach Mardi River. Zurück zu meiner Jugendzeit. Ash war die Einzige, die ein Faible für solche Musik gehabt hatte.
Früher konnte sie sich nicht recht mit meinen verrockten Jammereien anfreunden ... Ob sie nun heute meine Musik hörte?
»Nichts, was in dein Gebiet fällt.« Ich trank aus. »Und noch weniger in meines«, setzte ich murmelnd nach.
»Bitte?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nichts. Danke für den Kaffee. Kann ich mal dein Bad benutzen, bevor ich abhaue?«
»Deswegen der Morgenmantel.«
Ich drückte ihm den Becher in die Hand, stand auf und lief, in all meiner nackten Schönheit, ins Bad. Dabei ließ ich es mir nicht nehmen, ein wenig mit den Hüften zu schwingen.
Er lachte leise. »Definitiv durch.«
Als ich aus der Dusche kam, fand ich auf dem Badewannenrand meine Klamotten vor. Kurzer Lederrock, weißes Tanktop, knöchelhohe Stiefeletten. Ich putzte mir die Zähne mit dem Finger, da er keine Gästezahnbürste zur Verfügung hatte, und benutzte etwas von seiner Creme, um mir die schwarzen Schlieren meines Make-ups vom Gesicht zu wischen. Da ich grundsätzlich ohne Tasche aus dem Haus ging, hatte ich nicht den üblichen Kram einer Frau dabei.
Mit neunundzwanzig war es auch noch okay, sich am Morgen danach in seiner natürlichen Blüte zu zeigen. Na ja. Und dann sah ich die Typen sowieso nicht wieder, also ging es mir gleich doppelt am Allerwertesten vorbei, ob ich verknittert aussah oder nicht.
Ich strich mir die feuchten Haare nach hinten. Der einzige Farbfleck an mir. Das leuchtende Lila, das kinnlang über meinem Undercut lag und das ich mir manchmal zu einem Iro stylte.
»Also«, begann ich das Gespräch und schlenderte zurück in sein Schlafzimmer, »wo befinden wir uns?«
»Im Schlafzimmer.« Der Kerl schaltete den Fernseher aus und grinste belustigt. Ein leichter Schatten lag über seinem Kinn, ein Zeichen dafür, dass er sich heute nicht rasiert hatte. Den kleinen Fältchen um seine Augen nach zu urteilen, war er bestimmt schon Mitte, wenn nicht Ende dreißig und schien gerne zu lachen.
Oder zu frotzeln ... wie auch immer.
Ich schnappte mir meine Lederjacke, zog sie an und fischte mein Smartphone hervor, das auf lautlos gestellt war. Achtzehn verpasste Anrufe. Alle von Kijendo.
»Scheiße«, fluchte ich. Das konnte nur bedeuten, dass ich mal wieder irgendeinen Termin verpasst hatte. Ich schloss kurz die Augen und überlegte, ob ich mir das jetzt geben wollte. Seufzend schlug ich wieder die Augen auf und drückte auf die Rückruftaste. Was hatte ich schon für eine Wahl? Vertrag war Vertrag. Und so erfuhr ich wenigstens auch, wo ich mich befand.
»Wo steckst du?«, zischte mein Agent ohne Begrüßung und ich musste mich zwingen, nicht umgehend aufzulegen.
»In einem heißen Kerl und du?«
»Findest du das etwa witzig?«
»Nein. Eher befriedigend. Ziiiemlich befriedigend«, hauchte ich sinnlich und zwinkerte meinem One-Night-Stand zu, der interessiert die Augenbrauen hob.
»Was habe ich in meinem früheren Leben nur verbrochen, dass ich in diesem mit dir bestraft werde?«
»Keine Ahnung, Ki, aber ich schätze, es muss was wirklich Schlimmes gewesen sein.«
»Da sind wir ausnahmsweise mal einer Meinung. Egal, wo oder in wem du dich gerade aufhältst, schieb deinen knochigen Hintern umgehend ins Four Seasons. Du hast seit einer Stunde ein Meet & Eat & Greet.«
Knochiger Hintern?
»Fuck. Kannst du das nicht absagen?«
»Rebel!«
Genervt verdrehte ich die Augen. »Das Four Seasons in L.A.?«
»Herrgott, hast du wieder einen Filmriss?«
»Nein.«
»Natürlich hast du einen. Komm mir bloß nicht betrunken an, verstanden?«
»Soll ich nicht natürlich rüberkommen?«
Er schnaubte wild und legte auf. Noch bevor ich mir ein Taxi rufen konnte, ertönte das Intro vom Weißen Hai und ich nahm ab. »Ich bin doch schon auf dem Weg, verdammt.«
»Ja.«
»Was ja?«
»Das Four Seasons in L.A. Wenn du nicht in der Stadt bist, sag es besser gleich.«
Ich drückte das Telefon gegen meine Brust. »Sind wir in L.A.?«
Der Kerl nickte lächelnd. »Sind wir.«
»Ich bin in der Stadt und auf dem Weg.«
»Halleluja!«, erwiderte Kijendo theatralisch und legte auf.
»Ich muss mir ein Taxi bestellen. Wie lautet deine Adresse?«
»Du scheinst es eilig zu haben.«
»Bedauerlicherweise.«
Mein One-Night-Stand grinste. »Ach ...«
Na super. Gleich mal die falschen Rückschlüsse gezogen. Ob ich ihn aufklären sollte? Ich ließ meinen Blick über ihn schweifen und überlegte kurz.
Nö, entschied ich. Es machte sowieso keinen Unterschied. Das war ein One-Night-Stand. Und selbst wenn ich ihn irgendwo mal wieder treffen und erkennen sollte, würde es trotzdem nie mehr sein als das. Eine flüchtige sexuelle Begegnung, um meine Lust zu befriedigen. Und das war’s auch schon.
Ich suchte nicht die Liebe meines Lebens. Oder einen Mann, der mir einen Ring an den Finger steckte und mir einen Braten in die Röhre schob. Auch keine Frau, by the Way.
Ich hatte bisher keine feste Beziehung geführt und ich strebte auch nicht nach einer. Ich war unabhängig. Frei. Und das wollte ich auch bleiben. Es war mir bis heute ein Rätsel, wieso Menschen sich freiwillig in Beziehungen begaben. Denn eine Beziehung einzugehen bedeutete letzten Endes nur eins: sich selbst aufzugeben, um dann irgendwann dafür auch noch das Herz gebrochen zu bekommen ...
Er räusperte sich. »Darf ich dein Schweigen als ein Ja auffassen?«
»Was?«
Er nickte. »Alles klar. Komm.« Er eilte aus dem Zimmer und ich folgte ihm verwundert. Wir durchquerten einen Gang und kamen zum Eingangsbereich der Wohnung, der richtig schick aussah.
Dunkler Boden. Hochglanzmöbel. Sehr stilvoll und männlich.
»Wie heißt du noch mal?«, wollte ich wissen, als er in einen Raum verschwand, um sich ein paar Schuhe zu holen.
»Fred Feuerstein.« Seine grauen Augen blickten mich ernst an, als er zurückkam und in ein paar Sneakers schlüpfte.
»Du verarschst mich doch!«
Seine Mundwinkel zuckten auf. Fred griff nach seinem Schlüsselbund und öffnete die Tür. »Miss Filmriss ... Selbst wenn ich Albert Einstein heißen würde, würdest du es dir nicht merken.«
»Pff«, schnaubte ich genervt und drückte mich unter seinem Arm durch die Tür. »Lass mich raten: Du bist von Beruf Komiker?«
»Vielleicht ... vielleicht arbeite ich aber lediglich in etwas, was einfach nicht dein Gebiet ist«, wiederholte er meine Worte und schob sich eine Sonnenbrille auf die Nase. Er öffnete eine weitere Tür und ich stellte fest, dass wir uns in keiner Wohnung, sondern in einem Bungalow aufhielten. Das behäbige Klacken einer Zentralverriegelung hallte laut in der Garage wider und mein One-Night-Stand, aka Fred Feuerstein, aka der Komiker, hielt mir den Verschlag zu seinem Wagen auf. Einem schicken Sportwagen, den sich ein Normalsterblicher niemals leisten konnte.
»Ich warte auf mein Taxi?«, fragte ich irritiert und blickte dann runter auf mein Telefon. Hatte ich jetzt angerufen oder nicht?
»Du hast gar keins bestellt, Süße. Stattdessen hast du mein Angebot angenommen, dass ich dich fahre. Four Seasons, nehme ich an?«
»Oh nein. Das lassen wir mal lieber. Das kommt nur falsch an.«
»So? Was denn? Und bei wem vor allen Dingen?«
Ich seufzte. Ich hatte weder Zeit noch Lust ihm zu erklären, was uns da im Four Seasons erwarten würde. Andererseits war ich zeitlich echt eng dran.
»Na gut. Bevor mir Ki den Kopf abreißt, könntest du mich bei mir absetzen. Ich muss mich sowieso umziehen und fahr dann selbst zu meiner Verabredung.«
»Wie immer es Mylady beliebt.« Er lächelte wieder und irgendwie musste ich mir eingestehen, dass Fred Feuerstein ein verdammt ansteckendes Lächeln besaß.



Ein paar Stunden später grinste ich dümmlich für die Selfies der zwei Meet & Eat & Greet-Mädchen in die Kameras ihrer Smartphones.
»Das war sooo krass«, verabschiedete sich die Eins-zu-Eins-Kopie von mir, während die zweite Möchtergern-Rockerin laut aufgrunzte. »Kranker Scheiß. Aaaaah, meine Follower auf Insta werden aus-flip-pen-pen.«
»Okay, ihr beiden. Wir freuen uns, dass euch das Meet & Eat & Greet Spaß gemacht hat«, beendete Kijendo die Farce. »Sila wird euch nach draußen begleiten. Vergesst nicht, euch ein Goodie-Bag geben zu lassen.«
Ich winkte den beiden Teenagern zu, die noch mindestens dreitausend Fotos von mir schossen, bis sie zur Tür hinaus waren. Erschöpft fiel ich in den Ohrensessel der Fünf-Zimmer-Suite, in der wir uns befanden. Mein Schädel dröhnte wie ein Schlagbohrer und das gequietschte Gekicher der beiden Mädels hallte wie ein Ping-Pong Spiel in meinem Kopf nach. Ich hasste Fantreffen. Dafür war ich einfach nicht gemacht. Nicht mehr.
Zu Anfang meiner Karriere fand ich diese Art von Kontaktaufnahmen unglaublich aufregend, weil ich mich regelrecht nach dem Austausch mit meinen Fans gesehnt hatte. Mit den Leuten, die mir das alles ermöglichten. Die meine Musik hypten und alles liebten, was mit mir im Zusammenhang stand.
Erst sehr spät wurde mir klar, dass ich für die Generation »Ist mir alles scheißegal, aber LOL« nur ein Aushängeschild war, um ihre eigene Followerzahl zu erhöhen. Sei es bei Instagram, Twitter, Facebook oder Pinterest. Ein wirklicher Austausch fand nie statt. Kein: »Du hast mir mein Leben mit deiner Musik gerettet«. Kein: »Deine Songs haben mich durch eine schwierige Phase gebracht« oder »Deine Texte regen mich zum Nachdenken an«.
Nichts davon hatte ich in all den Jahren zurückbekommen.
Nichts von dem, was mir wirklich wichtig war.
Nichts von dem, womit ich mich in meiner Jugend auseinandergesetzt hatte.
»Das wäre geschafft«, sagte Ki und setzte sich mir gegenüber auf die Couch. »Lass uns noch die Termine für nächste Woche durchgehen, dann gehört der Rest vom Sonntag dir.«
Ich stöhnte auf. »Muss das jetzt sein? Ich bin müde, du alter Sklaventreiber.«
Kijendo zog seine perfekt gezupften Augenbrauen hoch. »Du zahlst diesem Sklaventreiber ein Vermögen, dass er dich mit so etwas belästigt. Also hör auf zu jammern. Außerdem sitzt mir Colton im Nacken.«
Genervt musterte ich den einzigen Menschen in meinem Leben, mit dem ich eine Art Beziehung führte. Kijendo Fuego-Cruz. Ein viertel Chinese, ein viertel Deutscher, ein viertel Amerikaner und ein viertel Mexikaner. Rabenschwarze Haare, ein Teint, für den jede Frau töten würde und schräg stehende ultrahellblaue Augen. Nicht nur sein Name und seine Herkunft waren eine Klasse für sich ... Sein Aussehen und sein gesamtes Auftreten allein waren bühnenreif.
Mein Entdecker, Agent, Mentor, rechte Hand und Freund. Der einzige Mensch, den ich in diesem verlogenen und herzlosen Business als Freund sah. Die erste und einzige Person, der ich seit meinem Weggang aus Mardi River vertraute.
Mein Herz zog sich zusammen. Pikste mich an den unterschiedlichsten Stellen bei diesem Gedanken. An drei Stellen genau genommen. Jede meiner ehemaligen Freundinnen besetzte dort noch ein Stück und sie gaben selbst Jahre nachdem unsere Leben auseinandergedriftet waren, den Ausschlag, dass ich nicht komplett aufgegeben hatte.
Etwas flog in mein Gesicht. »Mann«, brummte ich und warf das Kissen zurück zu Kijendo, welches er mit einer Hand auffing.
»Ich sagte, Colton ist mit den Verkaufszahlen von Smile for a while unzufrieden. Seiner Meinung nach lässt dein Engagement zu wünschen übrig. Du solltest dich wieder mehr auf die Kids konzentrieren und mehr auf Tuchfühlung gehen.«
»Vergiss es. Das ist nicht diskutabel. Und wenn es ihm nicht passt, kann er mich gern aus dem beschissenen Vertrag entlassen.«
»Du weißt, dass er das nicht macht. Du bist die beliebteste Teenie-Pop Sängerin und ein Idol für die pubertierenden Mädchen da draußen.«
»Kannst du dich nicht mal bei den Castingshows umsehen?«, fragte ich hoffnungsvoll. »Irgendeine wird ja wohl dabei sein, die meinen Platz übernehmen kann.«
Kijendo stand auf und holte zwei Flaschen Wasser. »Liebes, niemand kann dich ersetzen. Du bist ein Unikat von Kopf bis Fuß.«
»Das stimmt nicht«, murmelte ich, nahm die Flasche entgegen und trank einen großzügigen Schluck.
Seufzend setzte er sich neben mich und tätschelte mir das Knie. Eine merkwürdige Angewohnheit von ihm, die eher zu einem alternden Mann passte, als zu einem Kerl, der gerade mal Mitte dreißig war. »Ich könnte Ginger-May wirklich den Hals umdrehen, weil sie dir keinerlei Selbstbewusstsein mitgegeben hat.«
»Dafür war doch keine Zeit, Ki. Im Bestreben, den ewig wechselnden Männern zu gefallen und ihnen die Welt zu Füßen zu legen, war es zeitlich, emotional und menschlich einfach eng, sich um meine Gefühle oder Erziehung zu kümmern.« Ich legte den Kopf an seine Schulter. »Hast du in letzter Zeit etwas von ihr gehört?«
»Willst du das ehrlich wissen?«
»Ich schätze schon.«
Er zog hörbar die Luft ein. »Na gut. Aber es wird dir nicht gefallen.«
»Das ist ja nichts Neues.«
»Sie hat kürzlich geheiratet«, platzte er heraus, geradeso als hätte ihn diese Information schon eine Weile beschäftigt.
»Ach?« Überrascht sah ich auf. »Bei welcher Nummer sind wir mittlerweile angekommen?«
»Sieben.«
Sieben! Sieben Männer. Plus gefühlt dreihunderttausend dazu, die Ma in ihrem Leben bisher verschlissen hatte.
Sie lernte es einfach nicht. Jeder Einzelne hatte ihr bisher das Herz gebrochen. Und einige davon waren sogar mit dem Geld, das ich monatlich auf ihr Konto überwies, auf und davon.
»Da ist aber noch was.« Kijendo drehte sich zu mir und seine Nasenspitze zuckte, als wäre sie auf einem Sprint. Eine weitere komische Angewohnheit von ihm, die immer dann auftrat, wenn er etwas Unangenehmes beichten musste. Wie zum Beispiel, dass meine Plattenfirma eine Wohnzimmertournee plante, damit ich näher an den Fans dran sein konnte ... Nahezu atemlos wartete ich ab.
Nase zucken und meine Ma? Keine gute Kombination!
»Sie hat seine Kinder adoptiert. Ein Junge von fünf Jahren und ein Mädchen von acht. So gesehen, hast du nun gesetzlich beglaubigte Geschwister.«
Mein Atem stockte nun endgültig. Meine Mutter hatte wirklich die Verantwortung für jemand anderen als ihren neusten Lover übernommen?
Knappe zwölf Jahre, nachdem ich von Zuhause ausgezogen war?
Für Kinder, die nicht mal ihre Eigenen waren?
Ruckartig stand ich auf. Es wurde Zeit, etwas zu trinken. Etwas, das mindestens genauso klar aussah wie das Wasser, das ich in den Händen hielt. Etwas, das in meinem Magen brannte wie der Schmerz, der durch meinen Körper waberte. Etwas, das mich schon bald vergessen ließ, wie verdammt weh mir diese Information tat ...

 

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