Diese kurze Szene habe ich im Rahmen eines Wettberwerbs des Deutschen Schriftstellerforums 2015 geschrieben. Gewonnen habe ich nicht, habe aber einen guten Platz im mittleren Feld erreicht.

Thema war: Schreibe ein Geschichtenfragment zum Thema: Menschmaschine. Der Umfang des Textes darf 6600 Zeichen nicht unter- und 10.000 Zeichen (jeweils mit Leerzeichen) nicht überschreiten.


36 Nachrichten & ein Leben:

Piep. »Sie haben keine neuen Nachrichten.«
Mein Finger zittert, als ich den Wiedergabeknopf erneut drücke.
»Sie haben sechsunddreißig Nachrichten. Nachricht Nummer eins: Schatz? Schaaaatz! Geh doch mal ran. Huhu. Na gut. Ruf zurück.«
»Nachricht Nummer zwei: Halloou, hier spricht dein gutaussehender, smarter Ehemann. Geh ran, geh raaan.«
Ich keuche auf. Gutaussehender, smarter Ehemann, hallt es in meinem Kopf. Wieder und wieder und wieder, wie eine Platte mit Sprung.
Nachricht vier und fünf rauschen an mir vorbei, ohne dass ich nur eine Silbe wahrnehme.
»Nachricht Nummer sechs: Hey Babe, wolltest du Butter mit oder ohne Salz. Hallo? Gut, ich werf beide in den Einkaufswagen. Wenn du nicht zurückgerufen hast, bis ich an der Kasse bin, kauf ich beide ein.«
Meine Hand knallt aufs Display. Butter, denke ich.
Butter ist Essen.
Essen ist Leben.
Mit trägen Füßen schleppe ich mich in die Küche, öffne den Kühlschrank und starre auf die Verpackung. Original irische Butter. Extra sahnig. Mit Salz.
Ich greife danach und schmiere mir ein Brot. Ich esse es, ohne etwas zu schmecken und spüle es mit Wasser herunter. Dann setze ich mich zurück auf den Boden und drücke auf weiter. Eine Weile lausche ich der Stimme, in die mich vor zwei Jahren verliebt habe. Jede einzelne Nuance seiner Stimmfarbe klirrt in meinem Kopf als großes Konzert wieder.
»Nachricht Nummer achtzehn: Aaah, ich gla-au-b ich biiin betrtuhunken. Hoolst duu mich ab
»Nachricht Nummer neunzehn: Es wird später heute Abend. Warte nicht mit dem Essen auf mich
Nein.
Warten muss ich nicht.
Nicht mehr.
Nie wieder.
»Nachricht Nummer zwanzig: Babe, wie hieß das Duschgel, das wir aus dem Urlaub mitgebracht haben? Jules möchte es für ihren Mann besorgen.«
Duschgel. Wann habe ich das letzte Mal geduscht? Ich überlege, aber es ist schwierig, denn in mir drin ist alles nebelverhangen.
Dienstag! Am Dienstag habe ich geduscht. Immer dienstags und samstags. Immer. So steht es auf den Karten vom Doc.
Was ist heute für ein Tag? Mittwoch! Nein. Nein. Donnerstag. Jeden Donnerstag treffe ich mich mit Mom und Dad. Da war ich heute. Also, kein Duschtag. Nicht heute.
»Nachricht Nummer siebenundzwanzig: Das ist doch echt kindisch, Babe. Geh schon an das beschissene Telefon. Bitte. Es tut mir leid, okay. Geh ran. Babe? Babe?«
Ich schmecke Salz auf meinen Lippen. Komisch. Ist das die verspätete Geschmacksexplosion vom Butterbrot? Etwas tropft auf meine Hände. Gedankenverloren wische ich drüber. Ach so. Tränen. Klar.
»Nachricht Nummer achtundzwanzig: Ich liebe dich! Ich liebe doch soo sehr!«
Schluchzend schlage ich die Hände vors Gesicht. Heiße, dicke Tränen quellen zwischen meinen Finger hindurch, rinnen herab an dem vergoldeten Ehering, den ich nicht bereit bin abzulegen. Mein Herz zieht sich zusammen, als würde eine dicke Kordel darum gelegt.
Ich fühle.
Ich fühle das Ertrinken, die Ohnmacht.
Nur zwei Mal am Tag spüre ich für wenige Minuten, dass ich am Leben bin. Jeden Tag aufs Neue, wenn ich vor diesem silbernen Gerät sitze und mein Finger den Startknopf gedrückt hat.
Es ist nur eine Maschine aus hartem Kunststoff mit weichen Gummiknöpfen. Unscheinbar steht es dort auf dem Beistelltisch und wird ignoriert, solange das rote Lämpchen nicht aufleuchtet. Für mich ist es das Wertvollste, was ich besitze. Und dafür muss kein Licht aufleuchten. Alles, was ich brauche, steckt in diesem kleinen, viereckigen Kasten.
»Nachricht Nummer dreiunddreißig: Jules hat mich noch auf ein Bier eingeladen. Kommst du nach?«
Ich wische mir die Tränen vom Gesicht und halte mir die Ohren zu. Die nächsten zwei Nachrichten kann ich mir nicht anhören. Das schaffe ich einfach nicht. Zweiundvierzig, dreiundvierzig, vierundvierzig. Jetzt. » ...icht Nummer sechsunddreißig: Hey, Babe. Das verdammte Auto hat 'nen Platten. Keine Ahnung, wie lange ich brauche, bis ich den Reifen gewechselt hab. Zum Glück hat Jules 'ne Taschenlampe dabei, sonst würde ich überhaupt nichts sehen. Lieb dich. Bis später.«
Ich ziehe tief den Atem ein, aber die Luft, die in meinem Körper ankommt, ist weniger als ein einzelner Tropfen meiner Tränen. Ich greife nach der Papiertüte, die neben mir liegt, und stülpe sie über meinen Mund und die Nase.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Die kleinen flackernden Lichter vor meinen Augen verpuffen langsam ins Nichts. Einen Moment bleibe ich noch sitzen, bevor ich mich aufrichte und ins Schlafzimmer wanke.
Ausziehen.
Anziehen.
Zähne putzen.
Toilette benutzen.
Hände waschen.
Ins Bett legen.
Augen schließen.
Der Anrufbeantworter blitzt vor meinen Augen auf. Er ist der Letzte und das Erste meines Tages. Der Dreh- und Angelpunkt meines Daseins. Er ist das Einzige, was mir Halt gibt. Ich fühle eine Verbundenheit zu diesem chinesischen Importprodukt, wie zu keinem anderen. Von ihm fühle ich mich verstanden. Auf Knopfdruck erledigt er die Dinge, die er tun soll.
Nicht mehr und nicht weniger.
Genauso wie ich.
Für ihn gibt es eine Beschreibung. Eine Gebrauchsanweisung.
Wie für mich.
Ich schließe die Augen und falle in einen unruhigen Schlaf.
Es ist vier Uhr in der Früh, als ich wieder aufwache. Ich hieve mich aus dem Bett, benutze die Toilette und setze mich vor mein Lebenselixier. Im Dunkeln drücke ich den Wiedergabeknopf. Ich brauche kein Licht, um zu sehen, wo ich ihn anschalten muss.
Ich höre mir die Nachrichten an, unterbreche, um ein Brot mit Butter zu essen. Mache weiter. Vierunddreißig und fünfunddreißig ignoriere ich auch an diesem Morgen.
Als alle Nachrichten abgespielt sind, lege ich die Papiertüte zur Seite und greife nach dem Karteikasten. Ich stecke die erste Karte nach hinten, ziehe die zweite Karte heraus und stehe mit klatschnassen Wangen und gummiweichen Beinen auf. Ich gehe in die Küche und setze Wasser für den Tee auf.
Ohne Tee keine Karte.
Ohne Karte keinen Tee.
So ist das. Immer. Jeden Tag.
»Teesatzlesen«, sagte meine Mom irgendwann einmal. Wahrscheinlich fand sie es komisch, aber ich habe nicht gelacht. Wie denn auch? Teesatzlesen sagt einem Menschen die Zukunft voraus, aber meine Zukunft bietet nichts Neues. Meine Zukunft ist eine Endlosschleife aller Dinge, die ich täglich zu tun habe. Ob ich will oder nicht, spielt keine Rolle.
An manchen Tagen weiß ich genau, was zu tun ist. Ich funktioniere, so wie es geschrieben steht.
Auf den Karten.
Vom Doc.
An anderen Tagen, und heute ist so ein Tag, weiß ich nicht, was von mir erwartet wird.
Ich werfe einen Kamillenbeutel in die Tasse und schütte kochendes Wasser darüber. Der Duft der Kamillenblüte steigt mir in die Nase. Ich hasse Kamille.
»Es soll Sie beruhigen«, sagte der Doc. Beruhigen? Was an mir soll zur Ruhe kommen, wenn doch sowieso schon alles so gut wie tot ist?
Ich sehe mir die Karte an. Gelb ist sie. Wie die anderen sechs Karten auch. »Es soll Sie an die Sonne erinnern«, erklärte der Doc.
Aber immer, wenn ich an die Sonne denke, schweift das Bild ab und verwandelt sich in längst vergangene Szenen unseres letzten gemeinsamen Urlaubs. Weicher Sandstrand, wolkenloser Himmel, hellblaues Meer. Der Geschmack von Margheritas und der Geruch von Vanille.
»Nachricht Nummer zwanzig: Babe, wie hieß das Duschgel, das wir aus dem Urlaub mitgebracht haben? Jules möchte es für ihren Mann besorgen.«
Jules wird ihrem Mann mit Sicherheit kein Duschgel mehr mitbringen.
Ich werfe den Beutel in die Spüle, nehme vorsichtig einen Schluck und starre auf die Druckbuchstaben der sonnengelben Karte.